05.10.2026. In Folge der Geschehnisse um die Stadtratssitzung am 22.09.2026 und die Berichterstattung der Lokalpresse in Verbindung mit den geplanten Kitaschließungen und der Hortverlegung veröffentlicht Sandra Uebel, Zwotaer Unternehmerin und Vorsitzende des Fördervereins Zwoticher Waldwichtel, folgende Stellungnahme.
Demokratie muss gelebt werden – und im Kleinen wachsen
Der Kommentar „Was schief läuft“ (Freie Presse, Oberes Vogtland, 24.09.2026) spricht für mich einen entscheidenden Punkt an. Bei der Diskussion um Kita und Hort geht es inzwischen um weit mehr als einzelne Einrichtungen. Es geht auch darum, wie wir in Klingenthal Entscheidungen treffen, wie Beteiligung stattfindet und wie demokratische Prozesse im Alltag tatsächlich gelebt werden.
Für mich reicht es nicht, Bürger zu informieren, wenn wesentliche Weichen bereits gestellt sind. Verwaltung, Bürgermeister und gewählter Stadtrat haben unterschiedliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Gemeinsam sollten sie aber dafür sorgen, dass die vorgesehenen demokratischen Prozesse nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern glaubwürdig angewandt werden. Wird Beteiligung immer wieder auf ein Minimum reduziert, kann das Vertrauen in Entscheidungen und in die dahinterstehenden Prozesse zunehmend schwinden. Umso wichtiger ist es, durch nachvollziehbares Handeln und echte Beteiligung zu zeigen, dass die Anliegen der Bürger ernst genommen werden und Mitwirkung tatsächlich etwas in Klingenthal bewirken kann.
Gerade die Eltern haben gezeigt, dass sie bereit sind, sich einzubringen. Den Elternvertretern wurde mitgeteilt, Fragen und Bedenken zu sammeln, da die Verwaltung nicht auf jede einzelne Rückmeldung eingehen könne. Das wurde innerhalb von etwa einem Monat – mitten in den Sommerferien – geleistet. Allein bei den Waldwichteln entstanden rund 44 Seiten mit Stellungnahmen, Fragen und Bedenken, ähnlich umfangreich war die Auseinandersetzung beim Sonnenschein. Hinzu kamen mehr als 2.000 Unterschriften aus einer Unterschriftensammlung und einer Online-Petition. Diese Resonanz untermauerte die eingereichten Unterlagen im Wesentlichen und zeigte zugleich, dass die Lösung „aus drei mach eins“ von vielen Menschen nicht als die beste oder einzig denkbare Lösung angesehen wird. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder Unterzeichner jeden einzelnen Punkt der umfangreichen Unterlagen gelesen oder unterstützt hat. Die große Beteiligung machte aber deutlich, dass der Wunsch nach einer ernsthaften Prüfung von Alternativen und einer breiteren Auseinandersetzung mit der künftigen Struktur weit über den Kreis der unmittelbar betroffenen Eltern hinausgeht. Schon damals ging es nicht nur um die Kitas, sondern auch um den Hort.
Nun wurde der Hort aus der ursprünglichen Gesamtentscheidung herausgelöst. Trotzdem vermisse ich auch hier eine Beteiligung, bei der unmittelbar Betroffene tatsächlich an einer nachvollziehbaren und guten Lösung mitwirken können. Wenn der Hort in die Grundschule zurückkehrt, gehören für mich auch die Schule und ihre zuständigen Gremien frühzeitig an den Tisch. Beteiligung bedeutet für mich mehr, als eine bereits entwickelte Lösung anschließend zu erklären.
Der Frühhort ist dafür ein gutes Beispiel. Der Bedarf besteht im Grunde schon immer. Allein dadurch, dass die Öffnungs- und Betreuungszeiten der Kindertageseinrichtungen und der Beginn der Betreuung beziehungsweise des Schulalltags nicht nahtlos ineinandergreifen, entsteht für berufstätige Eltern nahezu automatisch ein Bedarf an verlässlicher Frühbetreuung. Das hat mit „aus drei mach eins“ zunächst einmal nichts zu tun. Wenn ein Frühhort an der Grundschule sinnvoll ist und gewollt wird, hätte man damit schon wesentlich früher beginnen können – unabhängig von einer Zusammenlegung. Man hätte Erfahrungen sammeln, Abläufe gemeinsam mit Eltern, Schule, Betreuungskräften und Arbeitgebern weiterentwickeln und die Qualität Schritt für Schritt verbessern können. Gerade auch die Erfahrungen und Anforderungen der Arbeitgeber können dabei helfen, Betreuungszeiten und weitere Punkte praxisnah an den tatsächlichen Bedürfnissen berufstätiger Familien auszurichten.
Verlässliche Betreuungszeiten liegen auch im Interesse unserer Arbeitgeber. Ebenso wichtig ist es, überhaupt die notwendige Infrastruktur vorzuhalten und unseren Familien eine passende, möglichst wohnortnahe Kinderbetreuung anzubieten. Eltern sollten ihre Kinder gerne und mit einem guten Gefühl in eine Betreuung geben können, die zu ihrer familiären und beruflichen Situation passt. Gerade die ersten Lebensjahre sind für die Entwicklung eines Kindes von großer Bedeutung. Deshalb sollten bei der Ausgestaltung solcher Angebote sowohl die Erfahrungen und Bedürfnisse der Eltern als auch die fachliche Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte und Vorgaben zum Bildungsauftrag einfließen. Verlässliche und passende Betreuungsangebote erleichtern zugleich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und helfen Unternehmen, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten. Gerade in einer ländlichen Region, in der Fachkräfte dringend gebraucht werden, ist Kinderbetreuung für mich deshalb auch Standortpolitik.
Noch weitreichender ist die Frage der künftigen Kita-Struktur. „Aus drei mach eins“ ist für unser langgezogenes Klingenthal keine kleine organisatorische Veränderung. Kinderbetreuung, Schule und kurze sowie sichere Wege sind wichtige Standortfaktoren. Wir brauchen Familien, die sich bewusst für Klingenthal als Lebensmittelpunkt entscheiden, und junge Menschen, die nach Schule oder Ausbildung hier eine Zukunft sehen. Davon hängen langfristig auch Unternehmen, Handwerk, Handel und Vereine ab. Im ländlichen Raum kommt diese Entwicklung nicht von allein – wir müssen uns dafür besonders anstrengen.
Dabei haben wir durchaus Stärken, mit denen Klingenthal werben kann. Unser ausgezeichneter Sportcampus ist ein Beispiel. Aber was außerhalb unserer Stadt kaum jemand kennt, kann auch niemand bei seiner Entscheidung berücksichtigen, hier zu leben, seine Kinder großzuziehen oder seine berufliche Zukunft aufzubauen. Gute Strukturen müssen deshalb nicht nur geschaffen und erhalten, sondern auch sichtbar gemacht werden. Gerade bei einer besonderen Auszeichnung unseres Sportcampus sollte das aus meiner Sicht nicht allein Aufgabe der Schule sein. Auch Klingenthal als Träger sollte diese Auszeichnung selbstbewusst nach außen tragen und zugleich innerhalb der Stadt sichtbar machen. So wird deutlich, welche Qualität und welche Chancen wir hier bereits haben – für unsere Kinder und Familien ebenso wie für die Wahrnehmung Klingenthals als attraktiven Lebens- und Bildungsstandort.
Natürlich sind die finanziellen Mittel einer Stadt begrenzt. Gerade deshalb müssen wir offen darüber sprechen, welche Schwerpunkte wir setzen und wo die vorhandenen Mittel für Klingenthals Zukunft am sinnvollsten eingesetzt sind. Was brauchen die Menschen, die hier leben? Was brauchen Kinder, Jugend, Familien und Senioren? Was hilft, junge Menschen hier zu halten und neue Familien zu gewinnen? Welche Investitionen stärken damit langfristig auch Wirtschaft und Handel?
Zum Beispiel ist auch touristische Infrastruktur für Klingenthal wichtig. Wenn ich persönlich aber abwägen müsste, hätte die Infrastruktur für die Menschen, die hier dauerhaft leben – insbesondere für Kinder und Familien – ein besonderes Gewicht. Es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen. Aber wir müssen entscheiden, welche Prioritäten wir setzen. Letztlich ist es auch unsere Entscheidung, was es uns wert ist, heute in Kinder und damit wesentlich in die Zukunft unserer Stadt zu investieren.
Dazu gehört für mich auch, geeignete Wege der Kommunikation zu finden und sie tatsächlich zu nutzen. Verwaltung, Stadtrat, Eltern und Bürger müssen miteinander ins Gespräch kommen können – frühzeitig, verständlich und auf Augenhöhe. Kommunikation darf keine Einbahnstraße sein. Fragen, Argumente und unterschiedliche Sichtweisen müssen ausgetauscht werden können, bevor Entscheidungen endgültig getroffen sind.
Ich glaube, dass darin sogar eine Chance weit über Klingenthal hinaus liegt. Wenn demokratische Prozesse nicht nur irgendwo nachzulesen sind, sondern vor Ort tatsächlich funktionieren und für die Menschen erlebbar werden, wäre das eine starke Werbung für unsere Stadt und letztlich auch für Sachsen. Es zeigt: Hier ist Beteiligung gewollt, hier hört man einander zu und hier versucht man, gemeinsam gute Lösungen zu finden.
Das braucht Willen, Anstrengung und sicher auch die Bereitschaft, sich weiterzubilden und bestehende Abläufe immer wieder zu hinterfragen. Aber vielleicht müssen wir auch nicht immer weiter darüber diskutieren, wie Beteiligung theoretisch funktionieren sollte. Viele Prozesse und Beteiligungsmöglichkeiten sind bereits sinnvoll gedacht. Entscheidend ist, sie glaubwürdig in den Alltag zu integrieren und kontinuierlich sowie verlässlich anzuwenden und weiterzuentwickeln.
Genau das wäre mein Wunsch und mein Anstoß: Machen, Erfahrungen sammeln, miteinander kommunizieren und gemeinsam besser werden.
Demokratie und Vertrauen sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern das Ergebnis kontinuierlicher, aktiver Arbeit aller Beteiligten. Während man Institutionen und Gesetze vergleichsweise schnell beschließen kann, müssen die dahinterstehenden Werte und das gegenseitige Vertrauen über Jahre hinweg organisch wachsen und gepflegt werden.
Was im Großen funktionieren soll, muss im Kleinen hier vor Ort beginnen, gelebt werden und wachsen können. Nutzen wir diese Chance – für unsere Kinder, unsere Familien, unsere Wirtschaft und für die Zukunft Klingenthals sowie darüber hinaus.
Sandra Uebel